Ausflug zum Keukenhof

Morgens halb sieben in Deutschland, viel zu früh und völlig übermüdet laufe ich über den Parkplatz.

Wir haben Anfang Mai, Samstag Morgen, es ist kalt, es regnet und der Wetterbericht meldet auch für den ganzen Tag keine Wetterbesserung! Eigentlich ein Wetter um im Bett zu bleiben. Welcher Wahnsinnige hatte eigentlich die Idee, nach Holland fahren zu wollen, um sich buntes Grünzeug anzusehen, das eh in jeder Gärtnerei in allen Formen und Varianten angeboten wird?

Der Ausflug zum Keukenhof in Holland

Schwer bepackt, als wäre ich mitten in einem Wohnungsumzug, schlurfe ich in Richtung Reisebus. Eigentlich habe ich NUR etwas zu essen und ein paar Getränke dabei, so die Aussage meiner Frau. Vom Gewicht her glaube ich aber eher, dass wir für die gesamte Boardverpflegung der Reisegruppe verantwortlich sind. Na ja, sollten in Holland die Deiche brechen, das Land überflutet werden und wir uns auf eine kleine Insel retten können, wären wir sowie der Rest der Reisegruppe für die nächsten Wochen ausreichend versorgt. Sicher ist sicher…..

Der Busfahrer hat mich schon von weitem gesehen und gehofft, dass ich nicht zur Reisegruppe gehöre. Pech gehabt! Hier bin ich und der halbe Hausrat dazu. Auf die Frage, ob das der Bus nach Holland zum Keukenhof sei, antwortete er mit einem „Ja, ….komm rein!“ Für einen klitzekleinen Moment hatte ich den Eindruck, dass die Antwort doch sehr verzögert kam und er am liebsten geantwortet hätte: „Nein, das ist der falsche Bus!“

Nachdem ich meine Sachen irgendwie nach dem Tetris-Prinzip so verstaut habe, dass jede Airline-Stewardess neidisch geworden wäre, setze ich mich und starre durch das Fenster auf die Pfützen, in denen Regentropfen ihre Kreise hinterlassen. Es war noch etwas Zeit bis zur Abfahrt, im Bus herrscht totale Stille. Insgeheim hoffe ich auf schönes Wetter…

Es dauert auch nicht lang, bis die anderen der Reisegruppe eintreffen. Nach und nach füllt sich der Bus und die Stimmung steigt. Pünktlich 7:00 Uhr setzt sich der Bus in Bewegung. Das Reiseziel ist der Keukenhof in Holland, welcher berühmt für seine gigantische Tulpensammlung ist. 

Eigentlich kenne ich Tulpen nur aus meinem Garten. Die wachsen da mehr oder weniger vor sich hin, sehen alle irgendwie gleich aus und das war es aber auch schon. Das man dafür einen extra angelegten Park besuchen sollte, fand ich doch etwas übertrieben aber letztendlich siegt die Neugier ….oder die Überzeugungskraft meiner Frau. 

Die ersten Kaffeebecher kreisen durch den Bus und ich beschließe ‚Es wird ein guter Tag!‘. Was Koffein doch so alles bewirken kann….

3,5 Stunden kutschiert uns der Bus über das platte Land vorbei an Feldern, Weiden, Gräben, Seen, typisch reedbedeckte Häuser und Windmühlen bis nach Lisse in Südholland. Mit jedem Kilometer in Richtung holländische Küste werden die Wolken weniger und weniger. Ja, kaum zu glauben, aber die Sonne scheint tatsächlich und läßt die Temperaturen steigen!

Schon auf dem Weg zum Eingang werden unzählige Fotos geschossen und die Stimmung ist gut. Wir haben 6 Stunden Zeit, um den Park zu erforschen und alles anzusehen. Diese Zeit erschien mir dann doch zu lang angesetzt, um Selfies mit ein paar bunten Stielblumen zu machen, dachte ich. Das sollte sich aber noch als gewaltiger Irrtum herausstellen….

Orientierungslos und Spaß dabei

Voller Elan betrete ich mit dem Rest meiner Familie den Tulpenpark. Mein Sohn ist schon verschwunden und ich stelle fest, dass wir dringend eine Orientierungshilfe brauchen. 

Strategisch günstig, direkt neben dem Eingang platziert, finde ich einen kleinen Stand, an dem Angestellte in barocken Kleidern handliche Karten an die Besucher ausgeben. Es laufen merkwürdigerweise sehr viele Leute mit solchen Kleidern durch den Park. Stand auf den Infobroschüren etwas von Kleiderordnung? Ist das die Arbeitsuniform der Angestellten oder sind wir während der Anfahrt in ein Wurmloch geraten und in der Zeit zurückgereist? Fragen über Fragen…..

Während ich versuche mit Hilfe der Karte, der Windrichtung und dem gepeilten Sonnenstand meinen Standort zu ermitteln, hat meine Frau schon die Schnittmuster der Kleider verinnerlicht, um diese für unsere nächste Jolka-Feier nachschneidern zu können. Wahrscheinlich wird sie auf die Frage: „Was für Blumen haben dir am besten gefallen?“ mit „Welche Blumen? Hast du die Kleider gesehen?“ antworten. ….So, jetzt ist meine Tochter auch noch verschwunden… Na, das kann ja heiter werden!

Da der Keukenhof mit Wassergräben, Hecken und Unmengen von Blumenbeeten durchzogen ist, stellen diese eine natürliche Barriere für meine Kinder dar. Weit kommen sie nicht, ohne dass sich unsere Wege kreuzen.

Jetzt beginne ich Blumenpracht zu erforschen und stelle erstaunt fest, welche unterschiedlichen Sorten an Tulpen eigentlich existieren, die ich so in unseren Gärtnereien noch nie zu Gesicht bekommen habe.

Angefangen von den einfachen Tulpen, welche glatt und einfarbig sind, bis hin zu Tulpen die aus mehreren Farben bestehen und deren Blütenköpfe nicht mal mehr Tulpen ähneln, gibt es hier wahnsinnig viel zu sehen. 

Ich sehe sehr interessante Tulpen, welche ausgefranste Köpfe besitzen, so, als hätte sie jemand mit einem Hochdruckreiniger malträtiert. Wahnsinnig schön! Ich muss eigenartigerweise kurz an meine recht einfachen Tulpen im Garten denken, …aber ich verwerfe den Gedanken wieder…. 

Forschung und Entwicklung neuer Sorten

Die Entwicklung einer neuen Tulpensorte ist eine Wissenschaft für sich. Von der ersten Versuchspflanzung bis zum fertigen Produkt können da schon mal locker 25 Jahre ins Land gehen.

So sind beispielsweise die unterschiedlichen Musterungen und Formen der Tulpen auf Viruserkrankungen zurückzuführen, welche eine Veränderung des Aussehens bewirkt haben. Diese werden auch als Rembrandt-Tulpen bezeichnet. Die berühmteste und teuerste Tulpensorte war die „Semper Augustus“ und kostete um die 10.000 Gulden. Leider ist diese Sorte heute ausgestorben. Als man im 19. Jahrhundert herausfand, dass die besondere Färbung dieser Tulpenart durch einen Virus hervorgerufen wird, hat man die Züchtung eingestellt.     

Die Pflege von Tulpen ist auch eine Wissenschaft für sich. So sollten die Tulpenzwiebeln nach dem Abblühen der Blumen im Frühjahr ausgegraben und kühl im Keller gelagert werden. Im Herbst bringt man sie wieder zurück in die Erde. Die Tulpenzwiebeln gräbt man besser mit einem Metallgitter ein um zu verhindern, dass Wühlmäuse diese wegfressen.

Wieder etwas gelernt….

Stimmen im Wind

Mir scheint als höre ich die Stimmen meiner Kinder….und nicht nur die Stimmen meiner Kinder, sondern auch die anderer Leute obwohl fast kein Mensch in der Nähe ist. Von meinen Kindern weit und breit keine Spur! Nur ihre Stimmen in meinem Kopf. „Hier…komm her…andere Richtung….da gehts lang….“. Habe ich bereits jetzt schon altersbedingte Ausfallerscheinungen oder lag es am übermäßigen Koffeingenuss auf der Fahrt zum Keukenhof? Etwas verlegen schaue ich nach meiner Frau. Sie reagiert nicht. Innerliche Unruhe macht sich breit in Anbetracht der Tatsache, Geräusche wahrzunehmen ohne, deren Ursache erkennen zu können. Ich bin mir recht sicher, dass es der Kaffee ist, der mir gerade so zusetzt und entscheide spontan, mich schnellstmöglich mal durchchecken zu lassen.

So als wäre alles in bester Ordnung, frage ich ganz nebenbei meine Frau: „…und gefällt es dir hier?“. Sie antwortet: „Ja,… und  den Kindern scheinbar auch, nach dem Geschrei zu urteilen.“ Was für ein Glück, welche Erleichterung! Die Stimmen waren also keine Einbildung, aber zu sehen sind sie trotzdem nicht. „Wo sind die denn?“, frage ich. „Hinter dir, im Labyrinth.“ bekomme ich zur Antwort. Jetzt realisiere ich, dass wir vor einem großen Labyrinth aus Hecken stehen, aus dem die Stimmen kommen. 

Meine Kinder im Labyrinth! Bis sie den Ausgang finden, das kann dauern und verschafft mir Zeit, mich etwas intensiver mit dem Keukenhof zu befassen. 

Geschichte

Die Geschichte des Keukenhofs lässt sich bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen.

Der Keukenhof (übersetzt: Küchengarten) war damals ein großes Landgut, auf dem Gemüse, Obst und Kräuter für die Küche der Gräfin Jacobäa von Bayern (1401-1436) im nahe gelegenen Schloss Teylingen angebaut wurde. 

1691 entstand auf dem Gelände des Landgutes das Kasteel Keukenhof, welches einem Kommandeur der Niederländischen Ostindien-Kompanie als Landsitz diente. Ab dieser Zeit wuchs die Gesamtfläche bis auf 200 Hektar an.

1857 begann der Landschaftsarchitekt Jan David Zocher zusammen mit seinem Sohn Louis Paul Zocher, einen Teil des Landgutes zu einem Park rund um das Schloß im englischen Landschaftsstil umzugestalten. Dabei wurden auf 32 Hektar geschwungene Pfade, Hügel,  Lichtungen und Wasserkanäle angelegt, welche heute zu Bootstouren einladen.

1949 entstand der Gedanke auf dem Gelände eine Frühjahrsblumenausstellung zu starten, welche von einer Gruppe führender Blumenzwiebelzüchter und -Exporteure umgesetzt wurde.

1950 war es dann soweit und der Frühlingspark Keukenhof öffnete zum ersten Mal seine Pforten. Bereits im Eröffnungsjahr konnte der Keukenhof 236.000 Besucher begrüßen.

2019 feiert der Keukenhof sein 70-jähriges Jubiläum unter dem Motto „Flower Power“.

Weiter führt uns unser Weg über eine typisch holländische Klappbrücke zu einer Windmühle. Dahinter liegt der Bootsanlegesteg für die Rundfahrten. Ich bücke mich und berühre den Rasen. Meine Frau schaut mich entgeistert an. „Was machst du da?“ fragt sie mich. „Ich glaube der Rasen ist nicht echt!“. Die Halme standen in Reih und Glied, hatten die gleiche Länge, die gleiche Dicke und nirgendwo war auch nur ein einziges Stückchen Unkraut zu sehen. Wie machen die das? Benutzen die eine Nagelschere zum Schneiden? Ich kann es nicht glauben. Der Rasen ist nicht nur super, der ist einfach perfekt. Jetzt beginnen auch andere Besucher sich zu bücken und über die Echtheit des Rasens zu diskutieren. 

Ohh je, ich glaube, ich mach mich jetzt lieber vom Acker…..

Während meine Kinder den parkeigenen Minizoo unsicher machen, sind wir unterwegs zum nächsten Pavillion. In jedem der Pavillions werden verschiedene Ausstellungen zum Thema „Flower Power“ gezeigt. Das es dabei nicht nur um Tulpen geht, zeigt ein Pavillion voller Orchideen.

Mögen die Bilder wirken!

Der Keukenhof ist groß! Sehr groß! Bequemes Schuhwerk ist auf jeden Fall sehr hilfreich, um die kilometerlangen Wege zu erwandern. Doch was der Holländer unter bequemen Schuhen versteht,….nun ja, da besteht scheinbar noch Aufholbedarf. Meine Frau, der Inbegriff des Schuhkonsums, war zum ersten mal im Leben bereit, auf den Kauf zu verzichten.

Die Pumps haben scheinbar nicht die richtige Größe, vermute ich…. aber angeblich kann man mit ihnen über’s Wasser gehen, sagen die Holländer…

Unglaublich wie die Zeit vergeht und wir schon langsam in Richtung Ausgang müssen. Dabei haben wir noch nicht mal alles gesehen. Hätte mir früher jemand gesagt, dass Tulpen so interessant sein könnten, wäre ich wohl in Versuchung geraten, mir an den Kopf zu greifen.

Nach diesen vielen Eindrücken muss ich wohl mal meine Gartenplanung etwas überdenken und sehe das „bunte Stielgemüse“ mit ganz anderen Augen. Die Kinder hatte ihren Spaß, wir haben viel gesehen, viel Neues gelernt und die Zeit sehr genossen. Trotzdem heißt es jetzt Abschied nehmen. 

Auf dem Parkplatz wartet schon Toni, unser Busfahrer, um uns wieder sicher nach Hause zu bringen.

 

Schau immer wieder mal in unserem Veranstaltungskalender nach um zu erfahren wohin die nächste Reise geht. 

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